
Ausschlaggebend für das heutige Aussehen Warschaus war, dass die Gebäude der Stadt während des 2. Weltkriegs zu rund 80% zerstört wurden und dann die Stadt in den folgenden Jahrzehnten wieder aufgebaut, umgebaut und ausgebaut wurde. Selbst die Altstadt ist nicht alt. Die dortigen Fassaden wurden in allen Einzelheiten rekonstruiert, aber die Innenräume und Innenhöfe wurden nach modernen Standards gestaltet. Den Krieg gut überstanden haben hingegen die damals neuen Gebäude, die in den 20er und 30er Jahren entstanden, als Warschau sich als Hauptstadt der Zweiten Polnischen Republik rasch entwickelte. Sie bilden eine außergewöhnliche Mischung von Stilen – vom Gutshausstil und Variationen zum Thema Klassizismus über funktionalistische und extrem avantgardistische Bauwerke. Ein Erbe aus jenen Zeiten sind unter anderem die monumentalen öffentlichen Gebäude (das Nationalmuseum und die nahe Landeswirtschaftsbank BGK, die Handelshochschule, die Sitze der Ministerien), die ersten Hochhäuser (Prudential), die modernen Sportanlagen (die Pferderennbahn Służewiec, die Sportakademie im Bielański-Wäldchen) sowie ganze neue Stadtviertel, sowohl mit luxuriösen Villen oder Apartmenthäusern als auch mit genossenschaftlichen Wohnblocks (Żoliborz, Saska Kępa).
In den ersten zehn Jahren nach dem Krieg wurden in der Hauptstadt die Markenzeichen des kommunistischen Regimes erbaut. Einige waren in dem damals verpflichtenden Stil des Sozrealismus gehalten, wie der Kulturpalast oder das Marszałkowska-Wohnviertel mit dem Plac Konstytucji und dem Plac Zbawiciela. Andere lassen sich nicht in die sozrealistische Schublade stecken – wie zum Beispiel (welche Ironie!) das Parteihaus oder das Gebäude des Sejms.
In den Nachkriegsjahrzehnten entstanden, trotz Armut, Materialmangel und einem Übermaß an Bürokratie, viele ansehnliche und neuartige Gebäude. Ein Teil davon ist frisch renoviert (die S-Bahnhöfe Ochota und Powiśle, die französische Botschaft), andere warten noch auf die Modernisierung, die ihren Reiz wieder ans Licht bringen soll (das Zentrale Warenhaus CDT, der Zentralbahnhof, die Rotunde, das Möbelhaus Emilia).